Speaker
Description
Seit der großtechnischen Entwicklung des Stranggießverfahrens von Stahl ab Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Bestimmung der Innenqualität der so erzeugten Halbzeuge eine wichtige Beurteilungsgröße sowohl für die kontinuierliche Weiterentwicklung des Prozesses als auch für die Qualität des Produktes. Als De-Facto-Standard zur Bewertung der Innenqualität von Brammen hat sich hierbei im Laufe der Jahrzehnte die sog. Mannesmann-Richtreihe entwickelt, bei der die Innenqualität anhand von repräsentativen Vergleichsbildern in verschiedene Beurteilungsklassen eingeteilt wird. Auf dieser Basis fand diese Mannesmann-Richtreihe Eingang in zahlreiche Lieferspezifikationen bis hin zur Erwähnung in rechtsverbindlichen Dokumenten wie beispielsweise dem Code of Federal Regulations (CFR) der USA in Bezug auf Gaspipelines. Allerdings hat die Mannesmann-Richtreihe zu keinem Zeitpunkt den Status einer offiziellen Norm oder eines Branchenstandards erhalten, so dass parallel dazu sowohl bei vielen Stahlerzeugern eigene – im Regelfall ähnliche – Bildrichtreihen erstellt und darüber hinaus auf der Kundenseite auch weitere Prüfmethoden zur Bewertung der Innenqualität entwickelt wurden, wie z. B. die Punktzählmethode („dot counting“).
Vor diesem Hintergrund hat sich im Jahr 2016 beim Stahlinstitut VDEh ein Arbeitskreis konstituiert, mit dem Ziel, zuerst einen verbindlichen Branchen- und später einen internationalen Standard zu erarbeiten, welcher die verschiedenen Bewertungsansätze aufgreift, wichtige Randbedingungen zum Geltungsbereich und zur Prüfmethodik festlegt und damit die Basis für eine vereinheitlichte Bewertungssystematik für Stahlerzeuger und Stahlverarbeiter schafft. Das aus diesen Arbeiten resultierende Stahl-Eisen-Prüfblatt SEP 1611 „Bewertung der Seigerungsstruktur der Kernzone an stranggegossenen Brammen“ wurde schließlich im Oktober 2018 veröffentlicht.
Anknüpfend daran wurde im Jahr 2023 – auf Initiative des „Gemeinschaftsarbeitsausschuss NMP/FES, Metallographische Prüfverfahren“ beim DIN e. V. – ein Projektantrag im zuständigen ISO-Gremium ISO/TC 17/SC 7 „Methods of testing (other than mechanical tests and chemical analysis)“ eingereicht. Es wurde eine eigene Arbeitsgruppe zur Erarbeitung der Prüfnorm ISO 21224 „Evaluation of Centreline Segregation of Continuously Cast Slabs“ gegründet, mit deutscher Projektleitung und Sekretariatsführung durch DIN. Nach gut zweijähriger Gemeinschaftsarbeit wurde dann im Dezember 2025 die Norm ISO 21224 veröffentlicht. Damit steht nun eine international gültige Prüfnorm zur Verfügung, die alle wesentlichen Aspekte beginnend mit dem Geltungsbereich (Stahlsorten und Abmessungen), über die Probennahme, -vorbereitung und -präparation bis zur Beurteilung und Dokumentation nach verschiedenen Bewertungsmethoden (Bildrichtreihe, manuelle Punktzählmethode, bildanalytische Auswertung) festlegt. Zukünftig ist angedacht, den internationalen Standard wieder auf die nationale Ebene als DIN EN ISO 21224 zu transferieren. Somit schließt sich der Kreis vom De-Facto-Standard zur international anerkannten Norm.
Der Beitrag gibt einen Überblick zu den wesentlichen Schritten bei der Erarbeitung des SEP 1611 und der ISO 21224 und stellt die wichtigsten Inhalte der neuen Norm in kompakter Form dar.